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CRM - Dinge, die der Mensch nicht braucht

von Markus Grutzeck

Viele CRM-Einführungen scheitern. Dieser Artikel möchte Ihnen Gedankenanstöße geben, welche Faktoren bei einer CRM-Einführung beteiligt sind, warum bei den Betroffenen Angst vorherrscht und Ihnen Wege aufzeigen, wie Sie diese überwinden können.

Implementierungsabenteuer aus der Praxis

Die Kopflosen:

Der Geschäftsführer einer kleinen Werbeunternehmung will seine Telefonakquise ausbauen. Dafür schafft er eine CRM-Lösung an. Bei der Einführung ist er nicht beteiligt. Einen Projektverantwortlichen gibt es nicht.
Bei der Anpassung an die Bedürfnisse des Unternehmens sieht sich der Trainer einer Schar Anwender gegenüber, die auch nicht genau wissen, was die CRM-Lösung eigentlich für Aufgaben übernehmen soll.
Nach besten Bemühen wird die Lösung implementiert.

Ergebnis:
Bestenfalls persönliche Effizienzvorteile. Einige versierte Anwender nutzen das System. Andere arbeiten weiter auf Papier oder mit anderen Medien. Ein Gesamtfortschritt für das Unternehmen wird nicht erreicht.

Die Blauäugigen:

Ein Dienstleister will durch Technikunterstützung effektiver arbeiten. Statt Papier und Stift kommt nun der PC mit integrierter Anwahl zum Einsatz.
Die Lieferung der Technik, bestehend aus Hardware und neuer Telefonanlage mit PC-Anbindung verzögert sich um mehr als 10 Wochen.


Ergebnis:
Nach Einführung der Software erhöht sich die Anzahl der Anwahlversuche um 40 % bei Steigerung der Qualität um 20 %.

Die  U-Boot-Taktik:

Die Landesgesellschaft eines amerikanischen Großunternehmens will nicht auf das neue konzernübergreifende CRM-Projekt warten. Denn die Einführung ist in frühestens zwei Jahren geplant. Da bislang mit jedem CEO-Wechsel, die CRM-Lösung gewechselt hat, ist es fraglich, ob die vom Konzern favorisierte CRM-Lösung überhaupt jemals zum Einsatz kommt.

Ergebnis:
Alle Vertriebs- und Servicemitarbeiter arbeiten heute mit einer einfachen und für Sie leicht verständlichen Vertriebssoftware. Es gibt einen zentralen Datenbestand. Die verfügbaren Funktionen unterstützen die tägliche Arbeit nachhaltig. Wenn die konzernübergreifende CRM-Lösung eines Tages kommt, sind die Daten bereits alle zusammengefasst und aktuell gepflegt verfügbar.

Enttäuschte Erwartungen

Wie Sie sehen, ist in den obigen drei Beispielen aus der Praxis die Einführung einer CRM-Lösung nicht ganz optimal gelaufen. Dies deckt sich mit den Untersuchungen der Gartner-Group, dass 60 % aller Automatisierungsprojekte scheitern. Die Forrester Research Group kommt in Untersuchungen zu dem Schluß, dass nur 14 % der CRM-Projekte, die ursprünglichen Erwartungen erfüllen.

Warum ist das so?

1. Verantwortung:
Von Anwenderseite wird der Einsatz eines CRM-Systems als sinnvoll erachtet. Der Vorschlag geht an die Geschäftsleitung und diese delegiert dies an die EDV zur Softwarebeschaffung.
Folge: Die Auswahl der CRM-Lösung erfolgt nach Entscheidungskriterien der EDV und nicht nach den primären Anforderungen der Anwender.

2. kurzfristige Einführung:
Eine erfolgreiche CRM-Einführung bedarf überzeugter Mitstreiter. Eine kurzfristige Einführung führt leicht zu Abwehrstellungen.

3. Fehlende Ist-Analyse und Zielvorgaben:
Kennen Sie die Geschichte von Charly Brown beim Bogenschießen? Charly Brown schießt den Pfeil ab und am Einschlagspunkt malt er eine Zielscheibe. Erst Lucy klärt ihn auf, dass man zunächst die Zielscheibe aufstellt und dann den Pfeil darauf abzielt.
Oftmals werden aber CRM-Lösungen eingeführt und hinterher wird nach den positiven Effekten gesucht.
Überlegen Sie vielmehr, warum Sie etwas ändern wollen? Welche Ziele wollen Sie durch die CRM-Einführung erreichen? Und, was müssen Sie verändern, um diese  Ziele zu erreichen?

4. Leistungsfähige Datenbank:
Den Kern einer CRM-Software bildet eine Datenbank. Deswegen sollten Sie vor der Einführung wissen, wie viele Daten Sie ungefähr verwalten müssen (1.000,  10.000, 100.000, mehr als eine Millionen?).
Dazu müssen Sie aber erst einmal alle Datenquellen in Ihrem Unternehmen identifizieren, die in dem neuen System integriert werden sollen.
Welche Zugriffsrechte müssen Sie beachten? Welche Datenschutzbestimmungen gelten?

5. Mit Übergabe der Software ist nichts zu Ende:
Leider ist ein CRM-Projekt nie abgeschlossen! Denn kaum ist die eine Phase erfolgreich beendet, haben begeisterte Anwender noch 100 Ideen, was man noch alles mit der neuen Vertriebssoftware machen könnte.

6. CRM stellt den Kunden in den Mittelpunkt:
Das trifft nur auf Mitarbeiter zu, die von der Philosophie des CRM-Ansatzes sowieso überzeugt sind. Eine Software kann keine Verhaltensweisen von Mitarbeitern verändern.

7. Ein CRM-System muss sich rechnen:
Die Amortisation einer CRM-Software lässt sich nur schwer berechnen und in Geld ausdrücken. Die Frage ist, ob der ROI das richtige Kriterium ist. Messen lassen sich z.B. die  Zeitersparnis durch die Software, das einheitliche Erscheinungsbild des Unternehmens nach außen usw. Aber: CRM ist eine strategische Unternehmensausrichtung.

8. Vergleich der CRM-Anbieter:
Ausschlaggebend bei der Anschaffung sind nicht allein die Lizenzkosten. Hinzu kommen Kosten für Konzeption, Schulung, Integrationsaufwand für bestehende Systeme.
Wenn ein Informationschaos herrscht, muss zunächst einmal in das Informationsmanagement investiert werden.
Der rationale Ansatz zur Auswahl einer CRM-Lösung ist das Abhaken vorhandener Funktionen. Solange die Ziele nicht klar sind, sind aber Funktionen u.U. überhaupt nicht relevant.

9. Software ist entscheidend für die CRM-Einführung:
Die Software führt sich nicht von selbst ein, sondern ein Berater wird die Software an Ihre Bedürfnisse und Prozesse anpassen. Hier kommt es darauf an, dass Sie mit dem Berater gut zurecht kommen.

10. CRM fördert Teamselling:
Auch dies ist Illusion. Wer vorher nicht Informationen weitergegeben hat, wird diese jetzt auch nicht in ein CRM-System einpflegen. Zwischenmenschliche Probleme, Abteilungsgrenzen und funktionale Barrieren müssen Sie vorher organisatorisch und in Personalgesprächen überwinden. Das kann keine CRM-Software leisten.

CRM in der zeitlichen Entwicklung:

Wenn man sich die gesamte Entwicklung des CRM-Ansatzes in den letzten Jahren anschaut, erkennt man in der Startphase die euphorischen überzogenen Erwartungen (2). Langsam machte sich Ernüchterung breit (3), bishin zur Desillusionierung (4).

Heute betrachtet man CRM nüchterner (5) und nimmt die Grenzen bewusster wahr.

Faktor Mensch:

Insbesondere der Faktor Mensch nimmt eine breitere Rolle ein. Denn jede Veränderung löst bei den Anwendern zunächst einmal Ängste aus:

Verantwortlicher Welchen Preis muss er zahlen? Was wird üblicherweise versprochen?
Geschäftsführer Sehr zeitintensive und sichtbare Unterstützung des Projektes Eine Analyse wie sich CRM auf den Aktienkurs auswirkt
Finanzdirektor Investitionen in sechs-stelligem Eurobereich Mittelfristige Kosteneffizienz durch höhere Mitarbeitereffektivität
IT-Direktor Störung meiner technischen Systeme Einen konsolidierten Lieferantenplan
Marketingmanager Komplette Umstrukturierung meines Jobs Stärkere unmittelbare Einbindung in den Kundenkontakt durch Verkauf und Service
Vertriebsmanager Verlust von drei Top-Leuten an Projekteam zur CRM-Einführung Strukturierte Kundenplanung durch gezieltere Kundenansprache
Vertriebsmitarbeiter Weniger Zeit für den Verkauf Automatisierte Brief- und Angebotserstellung
Kundenservicemitarbeiter Jemand, der mir über die Schultern schaut Anerkennung und Entlohnung

(Q: in Anlehnung an Deloitte Consulting)

Sie sehen, auf allen Stufen im Unternehmen entstehen Ängste und Unsicherheiten. Nehmen Sie diese Ängste ernst.

Widerstände in der Implementierungsphase:

1. Wirtschaftlichkeitskrise: Keine Umsatzsteigerungen

Wenn sich die erhofften Umsatzsteigerungen nicht innerhalb kurzer Zeit einstellen, wird rasch der Nutzen des gesamten Projektes hinterfragt. Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung sowie der Kundennutzen werden in Frage gestellt.

Überwindung:
Stellen Sie sicher, dass Sie Ihr Projekt in- und auswendig kennen. Dann kennen Sie auch den Wert, den Ihre Vorschläge für Ihren Geschäftsbereich und Ihre Kunden bringen.

2. Technikkrise: Die Anwendung funktioniert nicht

Eine CRM-Software ist nie so gut wie die Demoversion. Und ein CRM-System ist nur so gut wie die darin enthaltenen Daten. So gelten in der Praxis z.B. 3 % Dubletten als durchaus normal. Oftmals werden in der Praxis mehr Schnittstellen notwendig sein als ursprünglich geplant. Die Performance bleibt im Realbetrieb hinter den Erwartungen zurück.

Überwindung:
Es gibt keine einfache Technik: Seien Sie vorsichtig mit dem, was Ihnen Ihr Berater und Softwarelieferant versprechen.

3. Veränderungskrise: Tolle Ideen, nur nicht für uns

Gegen die erforderlichen Änderungen in der Geschäftspolitik und Prozesse wird Sturm gelaufen. Die CRM-Lösung wird anfangs nicht so intensiv genutzt wie gewünscht. Anwender ändern ihre Meinung.

Überwindung:
Ihre internen Kunden werden über zu viel oder zu wenig Veränderungen lamentieren. Ordnen Sie Ihre Ziele. Wenn Sie genau wissen, was Sie von der CRM-Einführung erwarten, werden Sie nicht stolpern. 

4. Die politische Krise: Wer hat Sie eigentlich zum Projektleiter gemacht?

Niederlassungen verweigern der Zentrale auf einmal die Unterstützung. Der Sponsor und Mentor des Projektes werden hinterfragt. Vertrieb, Marketing und Kundendienst sprechen nicht miteinander. Alte Grabenkämpfe brechen wieder offen zu Tage.

Überwindung:
Ein CRM-Projekt ist kein Schönheitswettbewerb. Ihre Aufgabe ist es nicht sich beliebt zu machen. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Sie uralte Grabenkämpfe überwinden werden. Am besten holen Sie sich Ihren hartnäckigsten Widersacher in Ihr Projektteam.

Krisen im Rahmen einer CRM-Einführung sind normal. Gut vorbereitet lassen sich die Krisen aber überwinden. Eine CRM-Einführung ist kein Spaziergang, sondern ein grundlegender Strategiewechsel eines Unternehmens.

Erfolgsfaktoren für eine CRM-Einführung

1. Realistische Budgetplanung:

Nicht nur für die Softwarelizenzen fallen Kosten an. Planen Sie für Schulung und Trainings, Testprojekte und Incentives für Mitarbeiter ausreichend Budget ein.
Denn nichts ist schlimmer als die beste CRM-Software anzuschaffen und dann kein Geld für die Trainings und Anpassung an die Unternehmensprozesse zu haben.

2. Realistische Zeitplanung:

Überschaubare Teilprojekte liefern permanente Erfolgserlebnisse für die Mitarbeiter.

3. Aufbau einer Zielpyramide:

Warum wollen Sie ein CRM-System einführen? Was bedeutet das konkret für die einzelnen Abteilungen? Welche Anforderungen ergeben sich hieraus an die Funktionen eines CRM-Systems? Bedeutet dies überhaupt Veränderungen in der vorhandenen Technik oder reicht eine Prozessneumodellierung aus?

4. Steuerung des Know-How Aufbaus:

Ein Kernteam muss über das Know-How verfügen und nicht eine einzelne Person. Rasch fällt ein Mitarbeiter durch Krankheit oder Jobwechsel aus. Dann geht Know-How verloren.

5. Prozesse:

Wie laufen die Prozesse im Vertrieb ab? Ist Ihre Beschreibung allgemeingültig oder Ihre private
Sicht? Wie könnten die Prozesse beschleunigt und optimiert werden? Welche Prozesse werden zukünftig wirklich verändert und müssen so auch von einem CRM-System abgebildet
werden?

Fazit:

Die Einführung eines CRM-Systems ist nicht der Anfang, sondern bestenfalls ein Doppelpunkt in der Implementierung einer CRM-Strategie. Ein CRM-System ist „nur" Technik. Lahme sowie kranke Prozesse und Widerstände von Mitarbeitern überwinden Sie damit nicht. Sie elektrifizieren lediglich den Ist-Zustand.

 

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Stand: 10.09.08